← Alle Fachartikel


<aside> 🪞

Psychologie × soziale Medien × KI

Ein Fachbeitrag von Lorenz P. Zwahlen | 17.10.2026 | Lesezeit ca. 9 Minuten

</aside>

Warum wir oft nicht merken, was wir nicht wissen – und was das mit Autofahren, dem Stammtisch, unserem Feed und der Arbeit mit KI zu tun hat.

<aside> 💡

Das Wichtigste in Kürze

Wie gut fahren Sie Auto?

Ehrlich: besser als der Durchschnitt? Dann sind Sie in guter Gesellschaft. Der schwedische Psychologe Ola Svenson hat genau das 1981 gefragt. In seiner amerikanischen Gruppe hielten sich 93 Prozent am Steuer für geschickter als die mittlere Person der Gruppe. In der schwedischen waren es 69 Prozent. Rechnerisch geht das nicht auf: Über der Mitte liegt immer nur die Hälfte.

Svenson (1981): Selbsteinschätzung als Autofahrer

Svenson (1981): Selbsteinschätzung als Autofahrer

Die Psychologie nennt das den Besser-als-der-Durchschnitt-Effekt. Er ist meist harmlos, ziemlich sympathisch und weit verbreitet. Er ist aber nicht dasselbe wie der Dunning-Kruger-Effekt. Dieser geht einen Schritt weiter und stellt eine unbequemere Frage: Merken wir überhaupt, wenn wir etwas nicht können?

Was 1999 wirklich herauskam

Justin Kruger und David Dunning, zwei Psychologen der Cornell University, liessen Studierende Aufgaben zu Logik, Grammatik und Humor lösen. Danach sollten alle einschätzen, wie gut sie im Vergleich zu den anderen abgeschnitten hatten.

Das Ergebnis wurde berühmt. Das schwächste Viertel landete im Schnitt etwa beim 12. Perzentil – 88 von 100 waren also besser. Selbst sahen sich diese Personen beim 62. Perzentil, also klar über der Mitte. Kruger und Dunning sprachen von einer doppelten Last: Wem in einem Gebiet das Können fehlt, dem fehlt oft auch das Werkzeug, die eigenen Fehler zu erkennen. Um zu merken, dass eine Antwort falsch ist, braucht man genau das Wissen, das für die richtige nötig wäre.

Zwei Details gehen in fast jeder Kurzfassung verloren:

Die berühmteste Grafik, die es nie gab

Sie kennen sie wahrscheinlich: Eine Kurve schiesst bei wenig Wissen auf einen Gipfel der Selbstsicherheit, den «Mount Stupid», stürzt dann in ein Tal und steigt langsam wieder an. Sie wird in Präsentationen gezeigt, in Kommentarspalten gepostet, auf Kaffeetassen gedruckt.

Nur: In der Studie von 1999 steht sie nicht. Die Originalgrafiken sind nüchtern: Sie zeigen für jedes Leistungsviertel, wie gut die Gruppe tatsächlich abschnitt und wie gut sie sich selbst einschätzte. Kein Gipfel, kein Tal, und niemand wurde beim Lernen über längere Zeit begleitet.

Links die Messwerte aus der Originalstudie, rechts die verbreitete Meme-Kurve

Links die Messwerte aus der Originalstudie, rechts die verbreitete Meme-Kurve

Eine Studie über überschätztes Wissen wird also mit einer Grafik verbreitet, die viele selbstsicher teilen, ohne die Studie zu kennen. Besser hätte man den Effekt kaum vorführen können.