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Über eine alte Fabel – und die Frage, wofür wir unsere Energie einsetzen.

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Nicht jede Diskussion braucht einen Sieger.

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Das Gras ist blau

Es gibt eine Fabel, die mich nicht loslässt.

Der Esel sagt zum Tiger: «Das Gras ist blau.»

Der Tiger widerspricht: «Nein, das Gras ist grün.»

Der Streit wird hitzig. Schliesslich gehen beide zum Löwen, damit er entscheidet.

Der Esel ruft schon von Weitem: «Majestät, ist es nicht wahr, dass das Gras blau ist?»

Der Löwe antwortet: «Wenn du das glaubst, dann ist das Gras blau.»

«Der Tiger widerspricht mir und ärgert mich», sagt der Esel. «Bitte bestraft ihn.»

Der Löwe bestraft den Tiger mit drei Tagen Schweigen. Der Esel zieht zufrieden davon und wiederholt: «Das Gras ist blau, das Gras ist blau …»

Der Tiger fragt den Löwen: «Warum bestrafst du mich? Das Gras ist doch grün.»

Der Löwe sagt: «Natürlich ist es grün. Die Strafe hat nichts mit der Farbe des Grases zu tun. Sie gilt dafür, dass du deine Zeit mit diesem Streit verschwendet hast – und dass du zu mir gekommen bist, um etwas bestätigen zu lassen, das du längst wusstest.»

Überliefert. Die Fabel ist in vielen Fassungen verbreitet; ein Urheber ist nicht eindeutig belegt. Hier in eigener, gekürzter Nacherzählung.

Wer hier eigentlich lernt

Auf den ersten Blick geht es um den Esel. Ich glaube, es geht um den Tiger.

Der Tiger hat recht. Und trotzdem verliert er drei Tage. Nicht, weil er falsch liegt, sondern weil er Recht bekommen wollte.

Ich kenne diesen Impuls. Wenn ich überzeugt bin, dass etwas stimmt, möchte ich, dass es auch der andere einsieht. Manchmal lohnt sich dieser Einsatz. Manchmal ist er reine Kraftverschwendung.