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Zeitgeschehen eingeordnet · Psychologie × Gesellschaft × Geschichte

Ein Fachbeitrag von Lorenz P. Zwahlen | 18.10.2026 | Lesezeit ca. 18 Minuten

Die Angaben zur aktuellen Lage entsprechen dem Stand vom 18. Oktober 2026.

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Was Geschichte und Forschung darüber wissen, wie aus Demonstrationen Krawalle werden, und was nachweislich hilft, damit es nicht so weit kommt.

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Das Wichtigste in Kürze

Ein Samstag im Oktober

Am 17. Oktober 2026 gingen in Frankreich nach Angaben des Innenministeriums 550'000 Menschen auf die Strasse, nach Angaben der Organisatoren rund 800'000. Es ging um hohe Lebenshaltungskosten, Benzinpreise, niedrige Löhne und den Zustand der Schulen. Die meisten Kundgebungen verliefen friedlich. Gleichzeitig wurden in Paris und Marseille Geschäfte geplündert. In Limoges legten Vermummte im 143 Jahre alten Rathaus Feuer, das Gebäude ist laut dem Präfekten «zum grossen Teil verloren». Premierminister Sébastien Lecornu nannte 1200 Festnahmen, 150 Polizisten und Gendarmen wurden verletzt.

Am selben Tag kam es in Mailand zu Ausschreitungen. Von gut 5000 Teilnehmenden waren laut Berichten einige hundert gewalttätig. Rund 50 Personen wurden festgenommen, viele davon minderjährig. Die Angaben reichen von der Hälfte bis zu fast allen.

Bilder solcher Tage legen ein schnelles Urteil nahe: Die Masse ist durchgedreht. Die Forschung sieht das seit über vierzig Jahren anders. Dieser Beitrag geht der Frage nach, wie eine solche Dynamik entsteht, was sie bewirkt, was wir aus der Geschichte darüber wissen und was nachweislich hilft. Er bewertet weder die Anliegen der Demonstrierenden noch den Einsatz der Polizei. Wo Organisationen, Regierungen oder Fachleute urteilen, wird das als ihre Aussage wiedergegeben.

Die alte Erklärung: Gustave Le Bon, 1895

Die Idee der «irrationalen Masse» hat einen Urheber. 1895 veröffentlichte der französische Arzt und Publizist Gustave Le Bon sein Buch «Psychologie des foules». In der Masse, schrieb er, verschwinde die bewusste Persönlichkeit. Ideen, Gefühle und Überzeugungen hätten in der Masse eine ansteckende Kraft, «so stark wie die der Mikroben».

Le Bon schrieb für eine politische und intellektuelle Elite, die Massen verstehen wollte, um sie besser zu kontrollieren. Diese Sicht prägt bis heute, wie über Menschenmengen gesprochen wird: als gefährlich, gefühlsgesteuert und ohne eigenes Urteil.

Die empirische Forschung hat diese Sicht weitgehend verworfen. Tom Postmes und Russell Spears werteten 1998 60 Studien zur sogenannten Deindividuation aus. Für einen Zustand, in dem Menschen in der Gruppe alle Normen verlieren, fanden sie kaum Belege. Sie fanden etwas anderes: Menschen, die in einer Gruppe anonym sind, halten sich stärker an die Regeln, die in dieser Gruppe gerade gelten. Ob diese Regeln friedlich oder gewaltsam sind, hängt von der Situation ab.

Was Brotunruhen verraten

Einen zweiten Anstoss gab ein Historiker. Edward P. Thompson untersuchte 1971 die Unruhen um den Brotpreis im England des 18. Jahrhunderts. Bis dahin galten sie als Reflex hungriger Menschen: Der Preis steigt, die Menge tobt.

Thompson zeigte, dass das nicht stimmt. Die Unruhen waren meist diszipliniert und hatten klare Ziele. Die Menschen gingen von geteilten Vorstellungen aus, was ein gerechter Preis ist und welche Pflichten Händler, Müller und Obrigkeit haben. Sein Befund: Eine Verletzung dieser Vorstellungen war ebenso sehr wie die tatsächliche Not der übliche Anlass für direktes Handeln. Thompson nannte das die «moralische Ökonomie».

Die heutige Psychologie bestätigt diesen Gedanken. Eine grosse Auswertung von 182 Effekten aus der Forschung zu kollektivem Handeln fand drei Faktoren, die vorhersagen, ob Menschen gemeinsam auf die Strasse gehen (van Zomeren, Postmes & Spears, 2008):